Tag 10 – Buckelwale


Heute ist der erste Tag, an dem wir uns einen Wecker stellen. Auch wenn wir bereits ein paar Minuten davor aufwachen, haben wir heute einen Fixtermin: Aufgrund unserer Nähe zur Nordküste und des ausgezeichneten Wetterberichts haben wir uns vor zwei Tagen für eine Whale-Watching-Tour angemeldet. Diese startet um 09:30 Uhr in Húsavík, etwa eine Stunde von unserer Unterkunft entfernt.

Slow Travel Mývatn inkl. Oli’s Gewächshaus (links)

Wir packen alles zusammen, verabschieden uns von Oli und Bianca und verlassen ihr Haus beim Mývatn in Richtung Norden. Die Wettervorhersage scheint zu stimmen – wir erreichen Húsavík bei strahlend blauem Himmel und nur leichtem Wind.

Hafen von Húsavík

Im Ticketshop erhalten wir unsere Boardingpässe (100 € pro Person) und sollen uns um 09:15 Uhr in der Umkleide einfinden. Dort bekommen wir gefütterte Overalls, die wir über unsere gesamte Kleidung ziehen. Wir sind ohnehin schon warm angezogen, weshalb ich beim Boarding unseres Bootes, der Andvari, bereits ins Schwitzen komme.

Das Boot ist speziell für Whale Watching konzipiert – mit Elektroantrieb, was nicht nur umweltfreundlicher ist, sondern auch deutlich leiser und somit weniger störend für die Tiere. In unseren schwarz-gelben Overalls verteilen wir uns auf dem relativ kleinen Schiff. Eva und ich sichern uns einen Platz am Oberdeck auf der Rückseite.

Schon legt das Boot im charmanten, kleinen Hafen von Húsavík ab, der stark vom Whale Watching geprägt ist. Die Stadt liegt in einer großen Bucht mit etwa 15 Kilometern Durchmesser. Unsere Fahrt führt uns in Richtung der Buchtmitte und weiter hinaus aufs offene Meer.

Lauter Whale-Watching Boote. Varianten mit Diesel, Elektro und Windmotor.

Es dauert nicht lange, bis wir in der Ferne neben einem anderen Boot erste Blaswolken sehen. Unsere beiden Kapitäne steuern direkt darauf zu. Bald erspähen wir aus nächster Nähe einen Buckelwal an der Oberfläche. Er holt Luft, atmet drei- bis viermal, bevor er seinen markanten „Buckel“ macht, die Schwanzflosse kurz auftaucht und er mit einem kräftigen Stoß abtaucht.

Der Name ist Programm: Der Buckel beim Abtauchen

Dieses Schauspiel wiederholt sich, als wir später noch einen zweiten Wal entdecken und ihm eine Weile folgen. Die Bucht ist an ihrer tiefsten Stelle 220 Meter tief. Theoretisch können Buckelwale bis zu 45 Minuten tauchen, meistens bleiben sie aber nur 3 bis 9 Minuten unter Wasser. Beim Auftauchen sind sie dann an einer ganz anderen Stelle, da sie unter Wasser größere Strecken zurücklegen, um Plankton zu fressen.

Die Anzahl der Schwanzflossenfotos ist verdammt hoch

Wir können unser Glück kaum fassen: Bei idealen Wetterbedingungen gleich mehrere Wale gesehen! Plötzlich taucht ein größerer Wal direkt neben unserem Boot auf und bleibt ruhig an der Oberfläche. So sehen wir zum ersten Mal auch seine Seitenflossen und die typischen „Barnacles“ (Seepocken) auf der Kopfoberseite, die unter anderem zur Verteidigung dienen.

Die Seepocken und Nase (zwei Löcher)

Zum Greifen nah realisieren wir die tatsächliche Größe des Tiers. Nach zwei Stunden auf See treten wir langsam die Rückfahrt an. An Bord gibt es heiße Schokolade und Zimtschnecken. Kurz vor dem Hafen zeigt sich sogar nochmals ein Buckelwal in unmittelbarer Nähe.

Während der Tour sehen wir nicht nur Buckelwale, sondern auch unzählige Meeresvögel, vor allem Papageitaucher, die in kleinen Gruppen auf Jagd sind.

Pinguintaucher – davon werden in den nächsten Tagen noch mehrere folgen

Begleitet wird die Tour von einer jungen Meeresbiologin – vermutlich Amerikanerin –, die in perfektem Englisch viele spannende Fakten über Buckelwale erklärt. Diese kommen in die Gewässer rund um Island, um sich möglichst schnell eine Fettreserve anzufressen. So bereiten sie sich auf ihre 3- bis 4-monatige Reise in wärmere Gewässer vor, wo sie ihre Kälber gebären.

Die Jungtiere könnten in den kalten Gewässern hier nicht überleben, da sie bei der Geburt noch zu wenig Fett haben. Deshalb fressen die Wale hier teils 20 Stunden pro Tag. Während der langen Reise essen sie dann gar nichts mehr. Die Geburt und Aufzucht eines Kalbes ist für das Muttertier derart anstrengend, dass es oft erst nach fünf Jahren wieder trächtig wird.

Es war jedenfalls äußerst faszinierend. Mit unserem Besuch leisten wir auch einen Beitrag zum Schutz der Wale. Die Meeresbiologin erklärt, dass ein lebender Wal durch den Tourismus wirtschaftlich mehr Wert hat als ein getöteter. Heute essen kaum noch Isländer Walfleisch – und obwohl es keine strikten Verbote gibt, hat im letzten Jahr aus wirtschaftlichen Gründen kaum Walfang stattgefunden. Sie ruft außerdem zum Boykott aller Restaurants auf, die noch Walfleisch auf der Speisekarte haben – denn der Konsum durch Touristen ist der letzte verbleibende.

Früher war Walfang notwendig, doch heute gibt es genügend Alternativen.

Nach etwa drei Stunden und 28 zurückgelegten Kilometern erreichen wir wieder den Hafen, geben unsere Overalls zurück und lassen die Eindrücke noch auf uns wirken.

Kurz außerhalb der Stadt halten wir an einem kleinen Parkplatz mit Picknicktisch und essen unser mitgebrachtes Mittagessen. Danach beginnt unsere lange Fahrt in den Westen – zu den Westfjorden. Rund fünf Stunden Fahrt liegen vor uns.

Mittagspicknick

Die Strecke führt uns entlang der Ringstraße durch grüne Täler, weite Ebenen und landwirtschaftlich geprägte Landschaft. Wo es möglich ist, wurden die Wiesen frisch gemäht – überall sind Traktoren unterwegs, Siloballen werden gewickelt und abtransportiert.

Es gibt viele Bauernhöfe, meist mit einer Halle für das Vieh. Neben tausenden frei laufenden Schafen sehen wir auch viele Koppeln mit Islandpferden.

Wir passieren unmengen Islandpferde – keine Ahnung, was mit den allen gemacht wird

In Akureyri, der größten Stadt im Norden, machen wir Halt für einen Kaffee direkt am Fjord, kaufen beim Bónus ein und tanken bei N1. Die Fahrt ist insgesamt recht eintönig, daher wechseln wir uns beim Fahren ab.

Gegen 19:00 Uhr verlassen wir schließlich die Ringstraße und biegen in Richtung Westfjorde ab. Wir durchqueren drei Fjorde, teils auf Schotterstraßen, ehe wir schließlich in Drangsnes ankommen, wo sich unsere heutige Unterkunft befindet.

Fjordlandschaft mit landwirtschaftlichen Nutzflächen um die hundertausend Viecher über den Winter zu bekommen

Mittlerweile hat sich der Himmel stark zugezogen – es sieht ganz danach aus, als würde es in der Nacht und auch morgen regnen.

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3 Antworten zu “Tag 10 – Buckelwale”

  1. Wow ‚ , so schöne Erlebnisse bei perfektem Wetter , das war sicher einer der Highlights dieser schönen und interessanten Reise . Alles Gute weiterhin !

  2. Hab ‚ vergessen zu erwähnen ,das war ein besonderer Bericht ,wunderbar erzählt und nachvollziehbar, wie schön und interessant dieser Tag wohl war ….

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