Tag 5 – Zu den Torres Del Paine


Gestern Abend haben wir noch Reichweiten abgeschätzt, Kilometer gezählt und Masterpläne geschmiedet. Der Entschluss war, dass wir versuchen werden einen Benzinkanister zu kaufen um uns für die nächsten Tage eine Notration Benzin mitnehmen zu können. Also packen wir unsere 7 Sachen ins Auto und checken aus unserer Baracke aus. Wir fahren zu einer der zwei Tankstellen im Ort, wo es tatsächlich für rund 15€ einen 20L Kanister gibt. Wir tanken diesen voll, laden ihn in den Kofferraum und starten unsere Fahrt gen Norden in Richtung der Berge. Zuerst geht es wieder durch flache, weite und etwas trostlose Ebenen. Wir lassen das Meer bzw. den Fjord hinter uns, doch zwischen den Berg- und Hügelrücken tauchen immer wieder kleine und auch große, türkise Seen auf. Das Gebiet wird zugleich auch etwas waldiger und die betonierte Straße weicht schon bald einer Schotterpiste, welche aber durchaus gut in Schuss ist. Man kann durchschnittlich, trotz einiger Kurven mit 50-60 km/h ohne Probleme fahren. Auf den Geraden sogar mehr. In der Ferne sehen wir schon die Felstürme des Torres del Paine Bergmassives. Diese erheben sich aus dem rundherum eher flachen Gebiet mit zum Teil nur 100 Metern über dem Meer auf über 3000 Meter mit imposanten Granitwänden. Wir sind noch etwa 30 km entfernt und schon bieten sich uns anmutige Blicke und wir stoppen immer wieder für Fotos und Erinnerungen.

Ziel vor den Augen, Staub in den Augen

Das Wetter ist durchaus schön, in klassischer Patagonien-Manier ziehen Wolken herum und der Wind pfeift ordentlich. Nach in Summe etwa einer Stunde Fahrt erreichen wir die Grenze des Nationalparks, wo ein Haus mit Parkplatz den Eingang säumt. Dort müssen wir aussteigen und den Nationalpark Rangern unsere Tickets zeigen, die wir am Vorabend online gekauft haben (45€ pro Person für mehr als 3 Tage). Lächerlicherweise wird der QR Code vom Ticket nicht einfach gescanned, sondern der Ranger macht tatsächlich mit seinem Handy ein Foto meines Handys mit dem geöffneten Ticket. Das muss täglich einmal bei Eintritt geschehen. Na ja, Hauptsache wir folgen den Regeln. Apropos Regeln. Man darf im Nationalpark nicht Drohne fliegen, Baden oder Campen außerhalb der gestatteten Plätze. Außerdem soll man stets am Weg bleiben. Also gut, wir fahren einmal mehr über eine Ebene mit Schotterpiste und mittlerweile steht das Gebirgsmassiv quasi schon 55 Zoll-Fernseherlike Vollbild vor uns. Mit einigen weiteren Fotostops und staunenden Lauten fangen wir an zu begreifen, wieso es viele Leute hier her zieht, wieso es uns her zieht und wieso man so oft über „das Ende der Welt“ liest. Vor Ort wirkt plötzlich alles noch mal viel beeindruckender und imposanter, als es ein Foto jemals einfangen könnte.

Einige Kilometer im Nationalpark drinnen stoppen wir neben dem einzigen Hotel im Nationalpark. Dieses ist direkt neben einem Wasserfall zwischen zwei Seen gebaut. Man muss sagen, mit all den Regeln und dem Respekt, den man eigentlich für den Nationalpark haben sollte, ist das schon wirklich respektlos. Irgendwer hat da wohl genug Geld gezahlt. Und irgendwer zahlt wohl auch immer noch genug Geld um am Ende der Welt trotzdem noch im Whirlpool sitzen zu dürfen. Wir folgen einem mit Holzplanken ausgebautem Boardwalk, der uns zum Wasserfall führt. Wir kommen das erste Mal mit Wind in Berührung, der einen zum Taumeln bringt und man muss sehr aufpassen, um nicht vom Boardwalk geblasen zu werden. Der Wasserfall ist sehr imposant, denn die Wassermassen sind gewaltig.

Wie schön wäre das ohne Hotel? Sicher auch schön.

Nach der kleinen Runde fahren wir mit dem Auto ein paar Kilometer weiter zur nächsten Sehenswürdigkeit. Bei einem Campingplatz parken wir und starten von dort eine Wanderung auf einen kleinen Bergrücken daneben. Vielleicht 200-300 Höhenmeter. Wir überblicken einmal mehr türkisblaues Gewässer, kombiniert mit extremer Helligkeit, kontrastreichen Farben und abwechslungsreichen Wolken. Man sieht immer wieder Ecken in der Ferne, in denen es regnet und auch spürt man immer wieder mal kleine, einzelne Tropfen. Ob diese vom Himmel oben, oder vom See unten kommen ist bei dem Wind schwer zu sagen. Es spielt auch keine Rolle, denn es ist nur marginal. Wir steigen die Bergflanke hinauf, durchqueren hunderte Gerippe von knorrigen und teils verbrannten Bäumen, gesäumt von staubtrockenen, strohigen Grashalmen. Der Wind ist so stark, dass man immer wieder ins Taumeln gerät. Die Aussicht über das Bergmassiv und den angrenzenden Gletscher „Grey“, umsäumt von unzähligen Seen wird immer besser.

Hart erkämpft

Doch auch der Wind wird zunehmend beängstigend. Der Weg führt am Bergrücken durch eine Scharte, welche einen Düseneffekt hervorruft. Zum Glück gibt es einen großen Stein, hinter dem wir kurz Schutz suchen können. Ich lege den Rucksack ab und lasse alles zurück, und gehe dann die letzten Meter, um die Scharte zu erkunden. Der Wind ist so stark, dass es mich zeitweise im weichen Schotter wirklich einfach wegschiebt und ich muss mich mit meinem ganzen Gewicht in den Wind lehnen. Es ist ohrenbetäubend laut. Ich überquere die Scharte geduckt und suche dann schnell Zuflucht nach links auf die Hinterseite des Hügels. Ich laufe noch ein paar Höhenmeter hinauf, um zum besagten Aussichtspunkt zu gelangen und die Lage zu checken. Die Aussicht ist gewaltig, doch stehen kann man kaum. Ich drehe gleich wieder um und kehre zu Eva und Klaus zurück, die inzwischen beim Stein schutzsuchend gewartet haben. Der Wind ist für Klaus zu stark, das Risiko zu groß. Er wartet weiterhin im Windschatten des Steines und ich laufe schnell nochmals gemeinsam mit Eva und einem Rucksack mit Kamera durch die Scharte. Wir riskieren ein paar Sprünge in den Wind, in Ski-Flieger-Pose. Zum Teil schon fast etwas unkontrolliert. Mit hohem Puls suchen wir wieder Schutz auf der Rückseite des Berges und ich versuche ein paar Fotos mit der Kamera zu schießen. Kein leichtes Unterfangen. Ruhig halten ist quasi unmöglich. Allmählich sehnen wir uns wieder nach Ruhe und einem Ende dieser Extremsituation und kehren um und steigen dann gemeinsam mit Klaus wieder hinab. Ich schätze die Winde auf sicherlich 100 km/h. Aber ich muss meine Abschätzung wohl nochmal auf der Autobahn verifizieren. [Nachtrag: Laut Meteoblue waren die Winde bis zu 115 km/h, in der Scharte also vielleicht sogar noch mehr]

Beinahe vom Winde verweht

Durchaus erleichtert, dass wir alle wieder fast komplett heil unten sind (nur ein paar kleine Schrammen und ein paar eingezogene Stacheln bei Lukas und Eva), setzen wir uns dort ins Auto und genießen die Ruhe förmlich. Man kann sich das eigentlich wirklich nicht vorstellen. Ab jetzt ist für mich wohl jeder andere Wind ein Leichtwind. Wir setzen unsere Fahrt fort zum Ablegepunkt einer der Personen-Fähren, die es in dem Gebiet gibt. Dort ist jedoch die Straße, die weiter zum nächsten Wasserfall und Aussichtspunkt führen würde, gesperrt aufgrund des Windes. Wir parken stattdessen am Parkplatz direkt am Wasser, schneiden unser Gemüse und essen den vorbereiteten Quinoa-Salat. Klaus ist etwas erschöpft und wir beschließen auch, dass wir noch genug Tage haben werden und kehren um und fahren knappe 45 min zurück zum Eingang des Nationalparks, wo zwei Kilometer außerhalb eine kleine Siedlung ist, wo wir uns für die Nacht eine kleine Hütte reserviert haben. Von dort haben wir immer noch Blick auf die Berge und es ist etwas windgeschützter.

Übrigens hatte es heute circa 18 oder sogar 19 Grad. Also mit langer Kleidung im Windschatten bei der Sonne richtig warm. Auch im Starkwind hatten wir definitiv kein Kälteproblem. So sitze ich nun in unserer Pferderanch vor der Hütte in der Sonne (zumindest alle 5 Minuten kurz mal) und beschreibe den vergangenen Tag. Wir haben einen kleinen Holzofen und Eva kocht dankenswerterweise für morgen schon ein Essen vor, während Klaus im Bett etwas rastet. Strom gibt es übrigens nur zweimal am Tag für zwei Stunden. Aber so ist das nunmal am Ende der Welt. Es gibt auch äußerst hungrige Gelsen, für die auch ein Pullover keine Barriere ist. Den Holzofen schaffen wir nicht anzuheizen, er bekommt nicht ausreichend Frischluft und das Feuer, das uns der Vermieter gemacht hat, ist ausgegangen. Doch es ist eh noch recht warm, also nicht weiter schlimm vorerst. Eva und ich gehen noch eine kleine Runde spazieren und wir begutachten das große Hotel in der kleinen Siedlung. Hinter unserem Haus liegt ein Pferd auf der Weide gerade im Sterben, es kommt nicht mehr auf und atmet sichtlich schwer. Der Vermieter meint, dass sie schon Antibiotikum gegeben haben, es aber scheinbar nichts hilft. Sie vermuten, dass das Pferd von einer Art Schnecke (vielleicht waren damit Würmer gemeint) befallen ist, die es hier gibt. Ist jedenfalls nicht so schön anzusehen wie die restliche Natur hier.

Nach einer warmen Dusche gehen wir schon bald schlafen.

Unser abendlicher Ausblick
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3 Antworten zu “Tag 5 – Zu den Torres Del Paine”

  1. Sehr spannend eure Erlebnisse … und sehr lustig zu lesen. Freu mich schon auf eure weiteren Abenteuer! Passt gut auf euch auf!

  2. Sehr aufregend ist die Windsituation ! Es lohnt sich nicht, wegen eines tollen Fotos ,euer Leben zu riskieren .Eine starke Böhe und ihr seid für immer weg …..Bitte paßt ,trotz der Naturschönheiten ,die sich anbieten auf und seid vorsichtig !!! Super Reisebeschreibungen von Lukas- es liest sich ,als ob man dabei wäre …..

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